Ich bin nicht nur ein Körper, aber wenn du willst, kann ich tanzen

Dieses choreografische Solo begann als ein Dialog zwischen Blanca Noguerol und Pau Aran. Ein Dialog über Identität und die Erforschung ihrer Ursprünge. Ihr gemeinsamer Weg von Barcelona nach Wuppertal. Die Umstände innerhalb und außerhalb Deutschlands. Beide hatten einen ähnlichen Weg beschritten, der sie im Frühjahr 2005 zufällig zusammenführte. Seitdem wurde aus den gemeinsamen Wurzeln eine Freundschaft geschmiedet, indem beide versuchten, an einem neuen Ort fern der Heimat ein Fundament zu legen.

Inspiriert von den Reminiszenzen an ‚Brocken’ sollen in diesem Stück die Konzepte von Macht, Weiblichkeit und Freiheit durch ein neues Prisma betrachtet werden. Um das zu erreichen, müssen wir unbewusst gemeinsam voranschreiten, ohne uns vorher an das Geschehene zu erinnern. Das dabei entstehende Paradigma legt nahe, das Politische durch das Poetische zu ersetzen. Irgendwann im Prozess gingen Texte aus Federico García Lorcas ‚Mariana Pineda’ mit ein.

Blanca nähert sich langsam. Sie kommt von einem Ort, den sie bereits kennt, und blickt zurück. Wie viele ‚Blancas’ leben in ihrem Körper? Wie lange haben sie sich versteckt und gewartet?

 

Sie schaut uns an.

 

Sie will uns etwas sagen, aber wir wissen nicht, ob sie reden wird.

 

Sie schaut uns an…

 

Die Fäden der Erinnerung kommen zurück. Aus einem Knäuel roter Wolle entsteht die Umarmung dessen, was an diesem Ort ankommt, in den Händen einer Frau, die auf der Suche nach sich selbst ist.

Gespenster einer Geschichte, die aus ihrem schwindenden Blick spricht. Hände und Füße exartikulieren wie Insekten, die die Schalen ihrer Artgenossen wieder zusammensetzen und versuchen zu verstehen, wie die Spinne mit ihren acht Beinen läuft, ohne jemals zu stolpern.

Der Raum öffnet sich und enthüllt ein Territorium, das mit Erinnerungen an die Vergangenheit schillert, die mit der Gegenwart befleckt sind. Die Traurigkeit einer in den Wind geschlagenen Frage schreit auf, um verstanden zu werden, zu sehen, zu fühlen, in der nächtlichen Dichte, die in der Schlaflosigkeit erzählt wird.

Ein weißes Hemd scheint sie an die morgendliche Brise zu erinnern, während die Kastagnetten die pulsierende Energie eines Nomadentanzes hervorrufen. Am Rande dieser lyrischen Kontinuität tanzend, hält sie sich an tiefsitzenden Impulsen fest, die durch ihre Haut, ihre Hände, ihre unvorhersehbaren Haltungen und Entscheidungen hervordringen. Haare, die das Echo unserer Toten enthalten. Ihre Worte voller Zuneigung enthalten Zärtlichkeit, Wut und Entschlossenheit, die Melodien eines Kataloniens, das wütend auf die scheinheilige Globalisierung ist.

Zum Weiblichen zu mutieren bedeutet, die Welt der Möglichkeiten zu begrüßen, die es noch nicht gibt und die durch unsere Körper gehen. Eine von ihnen läuft durch die Berge. Ihre Beine, ihr Hals, ihr Gesicht sprießen bei jedem Schritt, bei jedem Wort aus ihrem Bauch. Ihre Arme öffnen den Weg und unterstützen den Durchgang all derer, die ihre Träume geschmiedet haben und mir ins Ohr zu flüstern scheinen: „Mir passiert nichts. Die Welt gehört mir.“

Im Morgengrauen riefen sie, sie waren auf dem Treppenabsatz; die Mutter, als sie hinausgeht, um die Tür zu öffnen, trägt ihren Morgenmantel. Was wollen diese Leute so früh am Morgen?
-Maria del Mar Bonet und Lluís Serrahima

Ich bin nicht nur ein Körper, aber wenn du willst, kann ich tanzen

2019

Wuppertal

25 minuten

REGIE

Pau Aran

KREIERT MIT UND AUSGEFÜHRT VON

Blanca Noguerol Ramírez

DRAMATURGIE

Silvia Munzón López

MUSIK

Tim Kienecker, Armand Amar & The City of Prague Philharmonic Orchestra, ‘Catalunya Radio Overture’ (Radio), Maria del Mar Bonet, ‘Les Maces de la Patum’ (Folk music from Catalonia), Ovidi Montllor, Janis Joplin, Nina Hagen & The Capital Dance Orchestra

BELEUCHTUNG

Peter Bellinghausen

BÜHNENBILD

Pau Aran, Silvia Munzon López

VIDEO

Charlie Cattrall, Klaus Dilger

MITARBEITERN/BESONDERER DANK

Matthias Burkert, Tim Kienecker, Chrystel Guillebaud, Çağdaş Ermiş, Christopher Tandy, Andreas Eisenschneider, Karsten Fischer, Manfred Marczewski, Maske Abteilung (Wuppertaler Bühnen), Tsai Wei Tien, Oleg Stepanov, Daniel Doña

UNTERSTÜTZUNG

Ein Projekt von Tanztheater Wuppertal – Pina Bausch

Pau Aran